Michael Koflers Blog
Freud und Leid mit Ubuntu 10.04
Die neueste Inkarnation von Ubuntu, Version 10.04 Lucid Lynx, ist fertig! Bereits im Vorfeld wirbelten die Alpha- und Beta-Versionen eigenen Staub auf, zuerst wegen der (dann doch nicht durchgeführten) Umstellung der Firefox-Suche von Google auf Yahoo, dann aufgrund des neuen Gnome-Themings mit links statt rechts platzierten Fensterbuttons. Lesen Sie hier meine persönliche Meinung zur Final-Version!
Ubuntu 10.04 ist eine LTS-Version (Long Term Support, kostenloses Update-Service über 3 Jahre für Desktop-Pakete bzw. über 5 Jahre für Server-Pakete). LTS-Versionen haben bei Canonical und den Ubuntu-Entwicklern einen besonderen Stellenwert, einerseits, weil die LTS-Versionen im kommerziellen Umfeld besonders beliebt sind, andererseits aber auch, weil die lange Update-Unterstützung mit großem Aufwand verbunden ist.
Freud ...
- Aussehen: Man kann darüber streiten, ob violette (oder aubergine) Farbtöne schöner sind als braune. Auf jeden Fall sind die Bemühungen von Canonical, Ubuntu ein moderneres und frischeres Aussehen zu geben, überwiegend gelungen. Technisch versierten Ubuntu-Anwendern wäre vielleicht die Behebung von ein paar mehr Bugs wichtiger gewesen, gerade für Ein- und Umsteiger zählt aber (auch) die Optik. Dass Canonical Ressourcen freistellt, um am äußeren Erscheinungsbild zu feilen, ist gut und richtig. Vielleicht überzeugt das Ergebnis in künftigen Ubuntu-Versionen noch mehr als diesmal.
- Startzeit: Ubuntu 10.04 bootet schneller als je zuvor und ist vermutlich im Startverhalten die zur Zeit schnellste Mainstream-Distribution.
- PiTiVi: Der neue Video-Editor ist natürlich keine Ubuntu-Eigenentwicklung, seine Integration aber ein willkommenes Zeichen für die Multimedia-Ambitionen von Ubuntu.
- NVIDIA-Treiber: Die Installation von proprietären NVIDIA-Treibern war in Ubuntu schon immer einfach. Neu ist, dass nun erstmals auch die Konfiguration funktioniert! (Lange genug hat es gedauert ...) Und alle Open-Source-Freunde wird freuen, dass standardmäßig der neue nouveau-Treiber zum Einsatz kommt (wenn auch noch ohne 3D-Funktionen).
... und Leid
- Ergomie: Bei ihren Layout-Optimierungen haben die Ubuntu-Entwickler wesentliche Bedienungsdetails ignoriert. Der Kontrast der neuen Gnome-Themen ist schlecht, die Veränderung der Fenstergröße erfordert nach wie vor eine pixelgenaue Positionierung des Mauscursors (nahezu unmöglich mit einem Trackpad), und die Entscheidung, die Fensterbuttons ohne jeden Grund neu zu platzieren, zeugt von Größenwahn.
- Panel-Ärger: In Ubuntu 9.10 wurde das Update-Icon aus dem Panel entfernt, angeblich, weil das Panel von unnötigen Funktionen und Icons überladen ist. Aber anstatt das Panel weiter aufzuräumen, haben die Ubuntu-Entwickler es mit neuen Elementen überfrachtet: ein Me-Menü, ein Messaging-Menü etc. An sich ist gegen die neuen Elemente ja nichts einzuwenden - wer sich viel in sozialen Netzwerken aufhält, profitiert davon. Aber dass es keine Möglichkeit gibt, die neuen Elemente zu deaktivieren (ohne zugleich andere, nützlichere Funktionen zu verlieren), ist absurd. Wer die neuen Panel-Elemente nicht braucht, muss sie deinstallieren (Pakete indicator-me und indicator-messages)!
- Ubuntu One: Immer mehr Ubuntu-Programme lassen sich in den Cloud-Service Ubuntu One integrieren. Die Idee ist gut, die Implementierung aber eine Katastrophe. Ubuntu One ist (wie schon vor einem halben Jahr) langsam, instabil und offensichtlich unausgereift. Das gilt auch für den neuen Ubuntu One Music Store.
- Backups: Ein gut funktionierendes, langfristig gewartetes Backup-Programm sollte ein integrativer Bestandteil jedes Betriebssystem sein. Dass Ubuntu nach wie vor ohne ein Backup-Programm installiert wird, ist unverzeihlich. (Natürlich gibt es jede Menge Backup-Programme, die Sie selbst installieren können. Was ich hier fordere, ist aber eine einfach zu nutzende Standardlösung. Apple beweist seit Jahren, dass selbst ein Backup-Programm Spaß machen kann.)
- dpkg-Geschwindigkeit (Updates 3.5.2010, 12.5.2010): Die Installation von Ubuntu an sich, die Installation neuer Pakete und die Durchführung von Updates dauert deutlich länger als bisher. Schuld ist eine »Verbesserung« im Kommando dpkg. Das Kommando synchronisiert nun öfters die Festplatte, was im Falle von Fehlern inkonsistente dpkg-Datenbanken vermeidet. An sich ist das natürlich lobenswert, aber die wesentlich längeren Wartezeiten bei Paketoperationen sind dennoch ausgesprochen lästig. dpkg ist vermutlich auch dafür verantwortlich, dass Ubuntu-Installationen viel länger dauern als bei früheren Versionen. (Hier ist der entsprechende Bug-Bericht.)
